sperma niklas krauthäuser

Jungs#1 – Prolog

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Wie sich für einen Jungen aus Ostwestfalen in den Achtzigern eine Tür namens Schwanz öffnete und er sich selbst erregende Geschichten schrieb.

Lennard Bluhm hat eigentlich einen anderen Namen, aber das ist ein angemessener Preis dafür, dass wir mit ihm Hand anlegen dürfen. Wir lassen uns von seinen Geschichten erröten, staunen über Schonungslosigkeiten und knüllen unsere verschwitzen Hände in ein klebriges Taschentuch. 

FOTO: Niklas Krauthäuser

Viel braucht es nicht, um sich als Junge glücklich zu fühlen. Ein paar Freunde, um spielen, ein paar Bäume um klettern und ein Fahrrad um fahren zu können. Und einen Bach zum drüber springen.

Jedes Jahr wird man älter, doch die Zukunft ist fern, das Leben ein Abenteuer und das eigene Zimmer, mittels ein paar Bettlaken, eine Höhle.

Dazwischen Herbst, Winter, Herbst, Frühling, Herbst. Höhepunkt ist jeweils der eigene Geburtstag oder das nächste Weihnachtsfest.

Da ich mir in den letzten sieben Tagen vor dem jeweiligen Festtag ziemlich sicher war, sterben zu müssen, schloss ich ein Bündnis mit dem lieben Gott. Dieses beinhaltet sämtliche Versprechen, die man als kleiner Mann nur geben kann, um bloß diesen einen Tag noch zu erreichen. Brav -Lieb -Gottesfürchtig- sein. Soweit so gut und spätestens zwei Tage, nachdem man den Tag (Gott sei Dank) er- und überlebt hat, waren sämtliche Beteuerungen auch schon wieder vergessen.
So ging die Zeit ins Land und allem haftete noch der Hauch der Unschuld an. Den Gedanken vor dem Einschlafen wohnte noch kein Eskapismus inne, sondern man verlor sich in Träumereien, die man als „rein“ im eigentlichen Sinne bezeichnen konnte.

Diese Gedanken jedoch sollten sich ändern. Hatte man bisher das Gefühl, man sei mit sich und seinem Körper vertraut, öffnete sich eines Tages eine Tür, die, war man einmal hindurch getreten, sich nie wieder verschließen sollte.
Eine Tür namens Schwanz. Ja, da war er plötzlich, tauchte aus dem Nichts auf, sagte „Hallo“ und es begann ein neues Kapitel. War da eben noch etwas, das lediglich auf eine Funktion beschränkt zu sein schien, so war es mit einem Mal die Wonnewurst. Nichts, aber auch wirklich nichts konnte einen auf diesen neuen, erhabenen Moment vorbereiten. Eben noch Urinableiter, war es nun der Freud`bereiter. Von morgens bis abends rieb und zerrte, zog und fingerte ich am neu entdeckten Kumpan herum. Immer wieder aufs Neue erfreut darüber, dass sich auf dem Höhepunkt neben der allgemeinen Befriedigung, die milchig-klebrige Flüssigkeit meist auf den Bauch oder einfach ins Bettlaken oder einen alten Socken, ergoss.

Dieses Spiel wurde ein Ritual, doch just nach dem Abspritzen wurde das wohlig- entspannte Gefühl sofort von der übermächtigen Scham vertrieben. Unabhängig davon, dass ich tatsächlich dachte, ich sei der einzige Mensch der so etwas tut, war ja auch noch der liebe Herr Gott allgegenwärtig. Dies ist auch nicht wirklich verwunderlich, war ich doch Bewohner eines Pfarrhauses. Also begann ich nun, täglich (teils mehrmals) mit dem Herrn da oben in Verhandlung zu treten und gab neben allerlei abenteuerlichen Versprechen- die ich niemals in nur einem Leben hätte einlösen können- auch häufig mein Ehrenwort, dass ich das fortan nie wieder tun wolle. Ich war ja im festen Glauben, dass das eigene Begehren nicht nur etwas exklusives, etwas sündhaftes, sondern obendrein noch etwas verbotenes wäre. Diese Versprechen hielten aber in der Regel immer nur einen Schlaf lang und waren meist am nächsten Tag wieder vergessen. (Eine Möglichkeit eines tief sitzenden Schuldkomplexes, aber das ist eine andere Geschichte).

So verbrachte ich das erste Jahr der neuen Zeitrechnung permanent mit dem Wunderwerk der Natur und es bedurfte nicht viel um sich glücklich zu reiben. Manchmal reichte ein Windhauch, ein weiches Handtuch oder schon der Gedanke ans nächste Herumexperimentieren um sich wohlig zu ergießen. Egal wo und egal wohin.
Doch mit der Zeit verlangte mein Geist nach mehr. Es bedurfte der Stimulation durch konstruierte Situation. Bedeutet, ich war erpicht darauf, durch Bilder, Geschichten oder Erlebnisse den Akt der Selbstbespritzung als solchen einzuleiten.
Erlebnisse schieden aus, hatte man im Alter von 13 Jahren doch noch kein übermäßig großes Repertoire an erotischen Begegnungen, aus dem ich mich kurz vor dem Einschlafen bedienen konnte.

Also mussten Bilder her. Fotos von leicht- bis unbekleideten Frauen, die man sich ins eigene Bett träumen konnte. Doch wir schreiben das Jahr 1987. Es gibt drei Fernsehprogramme, die eher durch ein biederes Programm bestechen und das Internet, als unerschöpflicher Pornoquell, war in dem Sinne noch nicht geboren. Natürlich wurden auf Schulhöfen entsprechende Heftchen heimlich gehandelt- manch einer hatte das Glück, sich aus dem Fundus eines älteren Bruders bedienen zu können- doch diese Magazine waren heiße und begehrte Ware, die man meist nur im Tausch bekam. Manchmal, davon zeugten verklebte Seiten, war man beileibe nicht der Erste, der sich die Oben-ohne- und Behaarte-Muschi Bilder ansah.

Also mussten es Geschichten sein. Doch wie an jene Bücher gelangen, in denen es in blumigen Worten um Liebe-Sehnsucht-Zärtlichkeit und auch Sex ging? Zum Glück hat es auch ein Gutes, in Ostwestfalen in den Achtzigern aufgewachsen zu sein. Denn notgedrungen hat sich damals mangels Inspiration die eigene Phantasie stetig weiterentwickelt. Die Flucht in die eigenen Gedanken war oft Rettung in einsamen Stunden.
Also dachte ich mir eigene Sex Geschichten selbst aus. In diesen Geschichten konnte ich sein wer und mit wem ich wollte. Es waren praktisch keine Grenzen gesetzt und ich konnte vorab all jenes erleben, was ich (eventuell) in einem späteren Leben am eigenen Leib spüren sollte.

Ich brachte also all das zu Papier, was ich gerne machen würde. In diesen, teils unrealistisch schnell zum Punkt kommenden Geschichten, dachte ich mich in die Rolle des allmächtigen Eroberers, des devoten Verführten, des verwegenen Geliebten hinein. Zuerst wurden die Personen, um die es sich drehen sollte, kurz vorgestellt. Dann begab es sich auf die Annäherungsebene und zuletzt wurde „es“ dann getan, was mit der Zeit in immer ausgefeilteren Varianten, beschrieben wurde.

Ich war der Hauptprotagonist in meinen eigenen Romanen und malte mir die erotischsten und aufregendsten Erlebnisse aus. Mal war es eine Lehrerin die mich nachsitzen ließ, mal die Mutter eines Freundes die mir einen runterholte oder es ging um eine Mitschülerin. Oder gleich deren zwei. In den Achtzigern bedurfte es ja eh schon einer gewissen Phantasie um sich unter dicken Pullis und Palästinenser Tüchern die wahre Pracht und Schönheit einer sich darunter verborgenen Mädchens/Frau vorzustellen. Doch all diese Umstände trainierten meinen Phantasiemuskel und trieben ihn zu wahren Höchstleistungen an.

Nun war aber schon damals der Reiz des Neuen, des Unbekannten ein nicht zu unterschätzender Faktor. Da ich mir die Geschichten, die ich mir selbst schrieb, im nächsten Moment zu Gemüte führte, hatte es also für mich denselben Effekt, als wenn ich mir etwas kaufen, mit Geschenkpapier umschlagen und es im nächsten Moment wieder auspacken würde. Ich musste mich also in gewissem Maße selbst austricksen.

Daher verstaute ich meine literarischen Höhepunkte in meinem Schreibtisch um sie dann zu gegebener Zeit, wenn der Nebel des Vergessens meine Erinnerungen umwehen sollte, wieder herauszuholen. Da dies nicht immer funktionierte- zu groß war an manchen Abenden der Drang nach sexueller Inspiration- begann ich einige der besonders anregenden Darbietungen erst in meinem Zimmer, später im gesamten Pfarrhaus zu verstecken. Manche sogar so gut, dass ich sie nie wieder finden sollte.

Einige jedoch, fand ich nach langen Jahren tatsächlich wieder…

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