Maike_Brücke

anders lieben: „Alice“

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NÉNÉ Autorin Anne Thiele trifft sich mit Menschen, die außerhalb der Norm lieben. So wie Alice, für die Monogamie keine Option ist.

Anne Thiele ist TV – Journalistin und bei NÉNÉ ein Lautsprecher für das, worüber viele sonst nur flüstern. 

 

Es ist Montagabend, kurz nach zehn. Alice kommt grinsend zur Tür rein. Sie hat sich ein bisschen verlaufen, um in meine Wohnung zu finden. Sie ist ungeschminkt. Ihre langen braunen Haare trägt sie offen. Wahnsinns schöne Lippen hat sie. Und einen Körper, den man gern anschaut, anfasst. Nicht ganz sicher, was das mit dem Interview heute auf sich hat, schaut sie sich erstmal kurz bei mir um. Ich gieße uns ein Glas Wein ein und drücke auf die Play-Taste meines Aufnahmegeräts…

Alice ist 30 Jahre. Sie bezeichnet sich selbst als schüchtern. Ihren ersten Sex hatte sie mit 13. Sie steht auf Dreier, mag Mädchen und Titten, liebt harten Sex und ihren Freund Alex. Monogamie ist nichts für sie. Sie liebt anders, unkonventionell.

 

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Wie war dein letzter Sex?

Ohne Scheiß, bei meinem letzten Sex – das war gestern – lag ich auf nem nackten Mädchen während mein Freund mich von hinten genommen hat. Alice lacht. Es war früh morgens, wir waren noch müde und zu faul für andere Stellungen, als die, bei denen zwei von uns rumliegen dürfen. Das war schon recht blümchensexmäßig.

Habt ihr denn häufiger Damenbesuch?

Doch, schon. Weil mein Freund und ich so ne Art feste Freundin haben, mit der wir regelmäßig vögeln. Klar, sie kommt auch einfach mal so nach der Arbeit, eben wie ne gute Freundin. Ich kann mit ihr auf Fetisch-Parties gehen, aber auch einfach nur auf der Couch rumhängen, knutschen und meditativ Titten kneten. Das gestern war aber ein Mädchen, das wir vor ewigen Zeiten mal kennengelernt hatten. Damals hatte sie so eine Nicht-mehr-als-drei-Mal-Regelung mit ihrem Freund, deswegen ist sie irgendwann in der Versenkung verschwunden. Jetzt wo Schluss ist, ist sie wieder aus der Versenkung aufgetaucht

 

Du und dein Freund – wie würdest du eure Beziehung bezeichnen?

Ähm, kontrolliert offen..? Monogame Beziehungen sind ja irgendwie alle recht ähnlich von der Regelung her, aber bei offenen Beziehungen gibt es so viele Abstufungen. Da kann man gar nicht pauschal sagen: ich habe ne offene Beziehung. Bei den einen heißt das, jeder macht alles worauf er Bock hat, ohne viel drüber zu reden. Die anderen wollen unbedingt alles wissen. Manche bezeichnen schon ‚auf Parties rumknutschen‘ als offene Beziehung. Das spannende dabei sind die Regeln. Da hat fast jeder andere

Und was sind eure Regeln?

Von mir aus darf Alex alles. Solange er keine langfristigen geheimen Sachen hinter meinem Rücken abzieht. Ich bin generell entspannter als er. Alex hat diese Panik: wenn meine Freundin nen anderen Mann fickt, dann könnte sie das besser finden als Sex mit mir. Und auch der Gedanke: da war jemand an meinem Mädchen dran. Da hat also jemand MEINEN Baum angepinkelt. Das ist so ein Männerding, wenn jemand an deiner Frau dran war, haste verschissen und bist ein Loser. Deswegen beharre ich nicht darauf was mit Männern allein zu machen, weil ich weiß dass es ihn stört und verletzt. Ich bin eher auf der Suche nach Pärchen, bei denen ich mit beiden gut klar komme. Oder einzelnen Mädchen

 

Mit Paaren machst du nur was allein? Warum?

Könnte man so sagen. Naja, weil Alex da nicht so drauf steht, auf andere Männer. Wobei, vor ein paar Monaten hatten wir tatsächlich auch mal ein Paar zu Besuch. Da war eher ich die Nervöse, weil er so still war. Als er dann mit dem Mädel ins Nachbarzimmer verschwunden ist hab ich mich nicht getraut mit dem Typ zu vögeln, weil ich nicht wusste: was sind jetzt die Regeln? Ich hatte zwar den Schwanz von dem Typen vor Alex‘ Augen im Mund – das konnte also nicht so schlimm sein. Aber lieber nicht mehr. Und dann, am nächsten Tag sagt Alex: dieser Swingerscheiß wird ja nie mein Ding sein, aber die waren ganz nett. Der Typ auch. Mit dem hättste ruhig ficken können. Na danke!

 

Warum habt ihr überhaupt eine offene Beziehung? Fehlt sonst was?

Für mich ist das nichts ungewöhnliches. Für mich ist es krass seltsam, sich auf einen Menschen zu beschränken. Wie kann man sich kollektiv einreden, dass die emotionale Beziehung zu seinem Partner das komplette sexuelle Empfinden zu anderen Menschen lahmlegt. Das stimmt einfach nicht. Zu mir sagen Leute immer: wie kannst du das, ne offene Beziehung, das würde mich total anstrengen – bist du nicht eifersüchtig? Wenn die gleichen Leute mir aber erzählen, dass sie die nächsten paar Jahre nur mit einem Menschen schlafen wollen, frag ich mich: Wie anstrengend ist das bitte? Ein einzelner Mensch muss für dich alles sein – dein bester Freund und bester Fick? Wie hältst du DAS aus? Was für ein Druck, da wird man doch verrückt.

 

Steckt das also in jedem drin, der Drang nach unterschiedlichen Sexpartnern?

Ja klar. Viele geben dem ja auch nach. Ohne es offiziell zu dürfen, weil ihr Partner das nicht ertragen kann. Dann lügen sie sich in die Tasche, vögeln hardcore fremd und wenn’s rauskommt, ist der andere einfach ganz krass verletzt. Warum geht man nicht damit um wie erwachsene Menschen? Es gehen doch sowieso alle fremd, dann sollen sie es doch offen machen. Ich hab auch erstaunlich viel Zeit meines Lebens in monogamen Beziehungen verbracht. Aber im Nachhinein betrachtet hab ich da unter meinem sexuellen Potential gelebt. Erst als mein extrem eifersüchtiger monogamer Freund mir seine geheime Affäre gestanden hat, obwohl er von mir das Gegenteil verlangt hat, ist der Schalter umgekippt. Da war ich Mitte 20. Ich bin mit meiner Freundin im Bett gelandet und hab entdeckt, wie heilsam Herzschmerz-verdrängungsrumgevögel sein kann.

 

Hast du mitgezählt mit wem du schon alles in der Kiste warst?

Ich hab irgendwann mal angefangen ne Liste zu schreiben, weil ich mit den Namen nicht mehr hinterhergekommen bin. Aber ich war schon mit 15 mit mehr Menschen im Bett als der Durchschnittsdeutsche in seinem Leben. Krass oder, wie kann man in seinem Leben nur rund 5 Sexpartner gehabt haben?!

Hattest du irgendwann auch mal das Gefühl dich halten andere für schäbig oder schlampig?

Ich hatte mal ne Phase, da hab ich jemanden im Internet kennengelernt. Mit dem habe ich regelmäßig gechattet. Und da dacht ich schon: ich komm rüber wie ein fieser, fetter Nerd. Ich saß vor Skype, hab mit dem Typen gemeinsam Pornos angeguckt und masturbiert. Den ganzen Tag. Es war in dem Moment genau das richtige für mich, aber ich hab mich schon auch mal gefragt, wie mein Leben von außen betrachtet gerade aussehen muss.

Dann muss Sex in deinem Leben enorm wichtig sein.

Wenn ich mich mit stinknormalen monogamen Pärchen vergleiche, dann ist es schon sehr wichtig, aber ich hab auch Kontakt zur Swinger-Szene und wenn ich mich da vergleiche, bin ich dankbar dafür, dass ich so normal bin. Ich steh halt auf harten Sex. So ein bißchen SMig. Ohne den ganzen Ritualquatsch und solche Besitzverhältnisse, wie dieser Shades of Grey Hype. Was mich an BDSM reizt ist diese Körperlichkeit. Jemanden zu haben der stärker ist als du, der dich willen- und machtlos macht, indem er einfach deinen Körper manipuliert, überwältigt. Diese Körperlichkeit transportiert für mich total viel Emotionalität. Wie krass mich Alex mit zwei Handgriffen einfach im Kopf ausschalten kann, was er sonst mit zwei Stunden ficken vielleicht schafft. Das geht ganz einfach mit einer Hand am Hals, der anderen an den Haaren – zack, Blackout, bin ich weg.

Ist das das Ausgeliefert sein?

Ja, ich hab sofort das Gefühl: jetzt hast du gleich keinen Einfluss mehr darauf, was jetzt passiert. Ich finde das total spannend, gerade diese Nervosität, die ich als schüchterner Mensch oft habe, dieses dauernde Fragen danach ob der andere das jetzt auch will oder ich alles richtig mache, was von mir erwartet wird. Das wird mit einer Geste weggefegt. Im echten Leben bin ich auch oft unsicher und würde mir wünschen, dass mir jemand ein Handbuch gibt für bestimmte Situationen. Deswegen find ich’s um so schöner, wenn’s wenigstens im Schlafzimmer ne Lösung für solche Unsicherheiten gibt. Aber klar, dafür muss man dem anderen super vertrauen.

Frauen, Männer, Dreier, Orgien, BDSM – das ist für dich alles nichts Neues mehr, oder?

Naja, es normalisiert sich ja alles. Manche meiner Freundinnen finden es komisch, dass mir mein Freund einen Strap-on zum Geburtstag schenkt. Das ist so ein Geschirr mit Kunstpenis dran, um Mädels damit zu ficken. Ich hab’s immer noch nicht ausprobiert. Ich hatte es nur mal an und bin damit nackt durch die Wohnung gerannt. Das war echt witzig. Vorher hatte ich so ein L-förmiges Ding, wo du das kurze Ende in der Muschi festklemmt und am anderen Ende hängt der Gummipenis dran. Das funktionierte aber nur, wenn man die Person, die den Gummipenis trägt, reitet. Im Stehen ficken geht nicht, da fällt das Teil raus. Aber jetzt hab ich ja dieses Geschirr, wo nichts mehr rausfallen kann.

Wie sieht denn dein Spielzeugschrank sonst so aus?

Der ist ziemlich gut ausgestattet. Nur benutze ich das eher selten. Bis auf meinen Magic Wand ist eigentlich gar nichts regelmäßig in Betrieb. Das ist so ein Körpermassagegerät, das an die Steckdose angeschlossen wird. Das hat richtig Wumms. Da kommst du mit Batterien nie hin. Oder meinen Doppeldildo. Da braucht man aber immer ein anderes Mädel am Start. Mein Freund kauft mir auch dauernd irgendwelches Werkzeug womit er mich dann malträtieren kann. Gerten und Rohrstöcke und Handfesseln. Dabei reicht im Eifer des Gefechts meistens einfach ne Bademantelkordel.

Was ist für dich eigentlich richtig heißer Sex? Was macht dich geil?

Mir gefällt es, wenn wir Damenbesuch haben, wenn ich meinem Mann dabei zugucken kann, wie er ein Mädel auf dem Küchentisch fickt. Dann sitz ich drüben auf dem Sofa, hab meinen Magic Wand am Start und guck mir diese Pornoshow an. Das Schöne daran ist: ich weiß ja, wie mein Mann fickt. Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn er mich anfasst. Ich hab also sowohl den Luxus, Zuschauer zu sein und gleichzeitig spüre ich am eigenen Körper: ah, jetzt macht er wieder den geilen Move, den ich so mag. Das lieb ich.

Überfordert dich das nicht manchmal, wenn eine andere Frau da ist und dein Freund total scharf auf sie ist?

Nein, nie. Ich kann das sehr gut, ich find das nämlich hart geil. Dafür musst du aber diese tiefe emotionale Bindung zueinander haben und genau wissen: ich bin seine absolute Nummer eins. Er betrügt mich nicht. Er gibt mir die Sicherheit, dass ich es bin, die er will. Dieses Gefühl, dass, während er eine andere von hinten fickt, er mir ein Blick zuwirft, der mir sagt: Mädchen, ich liebe dich – das ist der Hammer.

Hast du nie ein ungutes Gefühl gehabt, nie Angst davor er könnte sich in eine der Frauen verlieben?

Nö. Ich weiß zwar, dass er seine kleinen Geheimniskrämereien hat, aber ich weiß auch, dass das nur SMS-Flirts sind. Und teilweise will er mich damit auch nur überraschen. Dann checkt er Mädels aus, geht mit ihnen was trinken und guckt, ob die für mehr zu haben sind. Das stört mich zwar ein bißchen, aber das verletzt mich nicht zutiefst.

Bei all dem was du schon ausprobiert hast – gibt’s da noch was, was dich extrem anmacht, aber bisher nur in der Phantasie vorkommt?

Ich könnte mir vorstellen mal nen Dreier mit zwei Männern zu haben, von zwei dominanten Kerlen gefickt zu werden. Das ist was, was mein Freund überhaupt nicht machen würde, ist gar nicht seine Neigung. Und klar, Gruppengeschichten find ich spannend. Nur leider ist die Wirklichkeit meistens sehr ernüchternd. Wenn ich auf Swingerparties in die Spielwiesenräume reinkomme bin ich einfach nur angewidert von dem Gerammel, das in sämtlichen Ecken stattfindet. Das liegt vielleicht daran, wie schnöde Sex am Ende eigentlich aussieht. Deswegen finde ich auch Pornos recht unspannend. Weil man sieht, dass das was da stattfindet kein Sex ist, der sich gut anfühlen, sondern nur gut aussehen soll. Und, ich habe noch nie jemanden auf einer solchen Party mit nach Hause genommen. Ich lern da Leute kennen, aber nicht so gut, dass ich am Ende sage: mit dir will ich nackig werden.

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