Das Erotische in den Dingen

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Histoire Érotique handelt von gestern und heute, morgen und vorgestern. Die Suche nach genau dem, was dazwischen geschah und geschieht, steht dabei im Vordergrund.Durch Beobachtungen, Kommentare und Anmerkungen werden Verbindungen hergestellt und Fäden zusammengezogen. Diese Worte sind eine Einladung sich ausgehend von der Geschichte der Erotik, historischen Ereignissen und unterschiedlichsten Gedankenströmungen inspirieren zu lassen.

ILLUSTRATION: Sammy Slabbinck

Sally Müller ist freischaffende Kuratorin und arbeitet derzeit am Kunstmuseum in Bonn. Für NÉNÉ schreibt sie über die wissenschaftlichen Aspekte hinter Sex, Kunst und Pornographie. Ein leises Seufzen mit Nachhall. 

Beim Durchblättern dieser Seiten befinden wir uns zwischen erotischem Wort und Bild. Die Abbildungen lassen Einblick in verschiedene Welten gewähren und unseren Assoziationen sind keine Grenzen gesetzt. „Das Sehen kommt vor dem Wort“ , schreibt John Berger im 1972 erschienenen Ways of Seeing und macht uns darauf aufmerksam, dass wir erst nachdem wir etwas betrachtet haben, in Worten wiedergeben können, was unsere Gedanken und Gefühle sind. Selbst wenn wir sie nicht niederschreiben. Denn auch das intime Moment ist uns ermöglicht: alleine zu blicken, ohne tauschen zu müssen. Erst mit weiteren Schritten, Worten, Taten oder gar Blicken teilen wir.

Berger erinnert zudem daran, dass unser individuelles Vorwissen das Sehen beeinträchtigt. Je nachdem, was wir wissen oder eben auch nicht wissen, nehmen wir Dinge unterschiedlich wahr. Wer sieht es nicht so, dass der geschichtliche Rahmen unumgänglich ist, um zu verstehen, was gegenwärtig geschieht und produziert wird. Johann Wolfgang von Goethe sammelte erotische Inspirationen auf Reisen; vorallem auf seiner zweijährigen Italienreise, die 1786 begann. Die Entdeckungen und Begegnungen bereicherten ihn. Sie bauten auf vorherigen Erlebnissen und Schriftstücken auf und wurden Material für kommende Werke und Erfahrungen.

Erotische Gedanken, Gefühle und Worte fangen also mit Beobachtungen an, die wiederum auf vorigen Erfahrungen und Wissen aufbauen. Der Blick schweift, verharrt, entdeckt. Der Mensch und sein Gegenüber bedingen sich, um diese Erfahrung machen zu können. Mag das Gegenüber ein anderer Mensch sein oder aber auch ein Objekt, das fasziniert wird. Es geht um das Interesse an den gesehenen Dingen. So wie es erotische Körper, Menschen, Landschaften und Momente gibt, findet sich auch das Erotische in Objekten. Dies geht bis hin zum Verehren von Objekten oder gar dem Fetisch.

Hier soll aber das besondere Interesse für das Andere und dessen eigene Sichtweise in den Vordergrund gestellt werden, worauf auch der Spekulative Realismus , eine Strömung der Gegenwartsphilosophie, die auch schon in Kunst und Literatur Fuß gefasst hat, eingeht. Die Faszination für Materialität und das Verständnis für das Andere sind Grundlagen dieser Gedankenform.“Es gibt nicht nur eine Welt, sondern ganz viele verschiedene Perspektiven auf die Welt. Aber nicht alles ist sozial konstruiert, sondern die Welt existiert unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung.“ Es geht um Blickwinkel, darum sich in das Andere hinein zu versetzen, um theoretisches Spekulieren und das Ungewisse.

Dem Vorwurf:“Und so wie die Künstler mit neuen High-Tech-Materialien experimentieren, interessieren sich die Philosophen neuerdings mehr für die Materialität der Welt als für die Sicht der Menschen auf die Welt.“ , kann argumentativ entgegen gesetzt werden, dass diese Strömung aus einer menschlichen Konstruktion geboren ist und somit eine Sicht des Menschen auf die Welt und gleichzeitig auf die Materialität der Welt ist.

Weltverständnis und Lernbegier an den Dingen, wie es auch schon Goethe besaß , sind hochaktuell. Empathie ist das Schlüsselwort- sich in das Andere hineinfühlen – um zu verstehen, aber auch Aufmerksamkeit und Verständnis zu leisten. Wir möchten einfach manchmal emotional spekulieren: nachdenken, fühlen, wahrnehmen, Erfahrungen sammeln. Selbst, oder besonders wenn es ohne Evidenz oder zukunftserfüllender Ergebnisse geschehen mag. Loslassen, entspannen und zirkulieren ist erwünscht. Wenn im Endeffekt nicht genau daraus die besten Ergebnisse erzielt werden! Und wie die Zartbeseiteten unter uns wissen, tut dies die auf Empathie aufbauende Erotik allemal.

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