Fair Trade Porn

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Maike Brochhaus ist jung, attraktiv, promoviert an der Universität zu Köln – und macht Pornos. Drei Eigenschaften, die ich bisher nicht in Zusammenhang mit Pornofilm-Regisseuren in Verbindung gebracht hatte. Sonntagnachmittag bin ich zu Kaffee und Kuchen mit ihr verabredet.

Hand aufs Herz; wenn ich an das Set von einem Porno denke, dann sehe ich übergewichtige Männer mit schwitzigen Händen und Maurerdekolleté hinter Kameras stehen, ich rieche fast schon den beißenden Geruch von Latex und Schweiß in der Luft. Der Regisseur ist männlich, Mitte 50 und kann kaum über die Bettkante schauen. Das ganze Setting findet in dubiosen Kellerlöchern spießiger Kleinstädte statt und das möglichst ohne Aufmerksamkeit von Nachbarn oder Gewerbeamt auf sich zu ziehen.

Maike Brochhaus ist jedoch alles andere als das. Wir treffen uns in einem kleinen Café in der Kölner Innenstadt. Sie bestellt Kaffee mit Sojamilch und legt ihre selbstgestrickte Mütze auf die Bank neben sich, bevor sie beginnt zu erzählen, was sie dazu bewegte einen Porno im autonomen Zentrum von Köln zu produzieren.

 

Der Weg in die Pornobranche

Die 29-Jährige promoviert zu dem Thema „Pornographie im Kunstkontext“ und dozierte an der Universität zu Köln. Sie beschäftigt sich mit dem neuen Begriff „Porn-Art“ in Bezug auf drei Filme aus dem Bereich. Durch ihre Doktorarbeit kam sie zwangsläufig in Kontakt mit vielen Pornofilmen, aber auch ihre Affinität zu expliziter Darstellung in der Kunst war Grund für sie, ein eigenes Filmprojekt umzusetzen. Der Ausgangspunkt war zudem, dass sie vieles an Mainstreampornos störte. Pornos die der Mehrheit der Gesellschaft durch Youporn und Co. bekannt sind.

„Ich kann damit nichts anfangen. Dieses Fake-Stöhnen und die Frauen haben irgendwie keinen richtigen Bock.“, erklärt Maike. Sie wollte einen Porno machen, der nicht dem Klischee entspricht. Amateurfilme, in denen sich Pärchen selber beim Sex filmen sind für sie allerdings auch keine Lösung. Hier sei zwar alles echt und authentischer, aber Maike fehlt dort die Handlung. „Das muss nicht mal eine Geschichte sein, das verlange ich nicht, aber mich macht es heiß, wenn ich das Gefühl habe, ich habe es mit Personen zu tun.“ Ihr Anspruch war damals einen Porno zu produzieren, ohne professionelle Darsteller und festes Skript, aber dennoch mit einem Rahmen der eine Willkür vermeidet.

 

Alles kann, nichts muss

Die Frage ist wie schafft man es dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, das die Darsteller tatsächlich Lust auf Sex haben? Ganz einfach: am besten, wenn sie es auch wirklich haben. Ganz ohne „Jetzt bitte blasen!“ – Anweisungen und Fake Stöhnen. 2012 setzte die Kunststudentin ihren Plan in die Tat um und schreibt ihr erstes Drehbuch für einen Porno. Der Film „Häppchenweise“ ist ein Experiment, das zeigt, was passieren kann, wenn man sechs Fremde in einen Raum steckt, der aussieht wie eine GZSZ Kulisse aus den 60er Jahren und sagt, das ein Porno gedreht wird, es aber keine Regieanweisungen gibt. Diese Besonderheit führte überhaupt erst dazu, dass Maike nach viel Vertrauensarbeit Freiwillige für ihr Projekt begeistern konnte. Alles kann, nichts muss. Maike nennt das „Fair Trade Porn“. Die Teilnehmer durften jederzeit „Stopp“ sagen und das Set verlassen.

„Es gab natürlich auch ein paar Regeln. Gesichtsbesamung und Gewalt waren tabu.“, erzählt mir die Kunststudentin. Der Verlauf des Films lag dennoch in den Händen der Darsteller. Das sind die süße Alice, die nervöse Franzi, Linus, der auf Männer steht, Jenz, die gleich zu Beginn erst mal eine Pulle Schnaps auf den Tisch knallt, Till, der seine Komfortzone verlassen wollte und Simon – Maikes Freund. Es wirkt alles ein bisschen wie Big Brother, nur sind die Teilnehmer keine gescheiterten C-Promis die ihr Ego aufpolieren wollen.

Das Risiko, dass nichts passiert und sich die sechs Beteiligten einfach einen netten Abend vor ver- steckten Kameras machen, war Maike bewusst. „Die Spannung in der Regie war unbeschreiblich“, erzählt Maike. Und diese Spannung entsteht auch beim Zuschauen, wenn man sich vor Augen hält, dass nichts von alledem vorher abgesprochen war und alles aus freien Stücken passiert. Man ist gespannt, wie weit jeder der Sechs gehen wird. Es wird geknutscht, gefummelt und wild durchei- nander getauscht, aber nur Jenz und Till gehen einen Schritt weiter, bis ihnen bewusst wird, dass sie gerade von mehreren Kameras gefilmt werden. Wie komisch es ist ein Mikro über dem Kopf hängen zu haben, merkt man wohl erst, wenn man einen Schwanz im Mund hat.

 

Zu schlau für Porno

Am Ende der Dreharbeiten war Maike zunächst enttäuscht, weil sie dachte, dass mehr passieren würde. Die Frage „Wie weit würdest du gehen?“ stand so präsent im Raum, sodass wohlmöglich einer der intellektuellsten Pornos aller Zeiten entstanden ist. Es wird mehr über Sex geredet als Sex zu sehen ist. „Ich habe während den Dreharbeiten immer gesagt: „Die sind einfach zu schlau für Porno.“, verrät mir Maike und lacht. Aber ihr ist beim Schneiden des Films bewusst gewor- den: „Porno beginnt im Kopf“ und sie glaubt dass dieser Aspekt „Häppchenweise“ ausmacht. Aber kann man das Porno nennen? Es wird viel über Sex geredet, Flaschendrehen gespielt, geknutscht, gefummelt, aber das höchste der Gefühle ist letztlich ein Blowjob. Was macht einen Porno aus? Welche Kriterien muss er erfüllen?

Ich habe mir den Film angesehen, nachmittags bei einem Tee. Er ist höchst spannend, was vor allem an den sechs Teilnehmern liegt, die wie eine bunt gemischte Tüte sind. Alle sprechen sehr offen und ehrlich über ihre Sexualität, ihre Phantasien von Sadomaso oder Swinger Clubs. Ich be- komme das Gefühl vor Ort zu sein und die sechs kennen zu lernen. Es gibt auch viele amüsante Momente und ich erwische mich dabei, dass ich mir die Frage stelle, wie weit ich gehen würde, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Bisher dachte ich allerdings, dass ein Porno zumindest eine gute Wixvorlage sein muss. Bei „Häppchenweise“ kann ich mir nicht vorstellen, dass sich darauf jemand einen runterholt und bis auf die intime Szene zwischen Jenz und Till, bin ich weit entfernt von einem feuchten Höschen. Maike erklärt mir, dass ein Porno auch andere Ziele haben kann.

 

Porno – aber politisch korrekt

„Häppchenweise“ wird als postpornographischer Film bezeichnet und fällt somit in eine Gegen- bewegung zum Mainstreamporn. Postporn ist ursprünglich aus politischen Gründen entstanden um Minderheiten eine Plattform im Pornbereich zu schaffen und brachte viele feministische und Queer Pornos hervor. Übersetzt heißt es so viel wie „die Ära nach der Pornografie“, weil im Main- streamporn vieles sehr einseitig oder gar nicht dargestellt wird, wie z.B Geschlechterrollen und Verhütung. Auch die Produktionsbedingungen sind ein wichtiger Aspekt. Postporn ist immer der Versuch einen politisch korrekten Porno zu machen.

Den kann es laut Maike aber nicht geben. „Dann wäre der Porno so öde, dass er seinen Zweck verfehlen würde.“, findet die 29-Jährige. Für sie soll Porno hauptsächlich Spaß machen und leicht sein. Sie möchte keine Filme speziell für Frauen oder Homosexuelle machen, sondern für Men- schen. „Es wird immer eine Minderheit geben, die man nicht berücksichtigt oder einen Aspekt, den man nicht differenziert genug darstellt.“, erzählt sie.

Daher findet Maike, dass der Begriff „Postporn“ weiter gefasst werden sollte. Es geht nicht mehr nur darum, Minderheiten eine Plattform zu geben und alles richtig zu machen. „Es ist vielmehr eine neue Avantgarde für Pornografie, die eine sexualpolitische Intention hat.“ Man möchte keine Ware produzieren und es ist wichtig, dass man sich bewusst damit auseinandersetzt, was man an- ders darstellen möchte. Egal ob es um die Darstellung der Frau geht oder von Homosexualität. „Ich möchte neue Bilder in den Köpfen der Menschen schaffen.“, sagt Maike.

 

Mama, mein Freund macht Porno

Die Resonanz auf Maikes Projekte war größtenteils positiv. Das liegt natürlich daran, dass ihr engerer Freundeskreis und die Familie durch ihre Doktorarbeit schon mit dem Thema vertraut waren, dennoch hat Maikes Mutter nicht schlecht gestaunt, als die 29-Jährige ihr von „Häppchen- weise“ erzählte. Sie hat es letztlich gut angenommen, allerdings wäre die Reaktion eine Andere gewesen, wenn Maike auch vor der Kamera gestanden hätte. Wie z.b ihr eignener Freund Simon, der in „Häppchenweise“ so wie auch in ihrem neuen Film mitspielt und als Cutter das Material schneidet. Daran musste sich Maikes Mutter erstmal gewöhnen.

Wenn Maike Fremden von ihren Projekten erzählt, sind die Meinungen darüber sehr unterschied- lich, aber eins ist immer gegeben: Gesprächsstoff. „Jeder hat dazu eine Meinung und nicht selten enstehen hitzige Diskussionen.“ Gerade das schätzt die Studentin sehr, denn sie leistet dann gerne Aufklärungsarbeit über Porno. „Viele Frauen haben ein bestimmtes Bild von Porno im Kopf und wissen nicht, welche Vielfalt es auf dem Markt gibt.“, erzählt Maike. Sie schwärmt dann von den Gaypornos von BruceLaBruce und Erika Lust´s Filmen aus der Sicht einer Frau.

 

Maike Brochhaus neuer Film „Schnick Schnack Schnuck“ soll Ende 2015 erscheinen. Facebookseite: Schnick Schnack Schnuck

 

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