Brauchen wir eine Kitzler-Quote?

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Oh du schönes GPS-Trackings! Dank informativ digitalen Wegweisern weiß ich jederzeit, wie weit es bis zur nächsten Kneipe ist und wo ich das übernächste Tinder-Date aufgabeln kann, nachdem ich das aktuelle hinter der Kurve abgehängt habe. Es gibt keine geheimen Orte mehr. Dunkle Ecken existieren nur noch in unsere Phantasie. UND unterhalb des Bauchnabels. Während die Menschheit live mitverfolgt wie Raumschiff Dawn auf einem neuen Planeten andockt, sucht man diesseits der Atmosphäre noch immer nach der Klitoris.

Susi Kohlmann ist NÉNÉ Kolumnistin und sitzt mit Gedanken an Sex vor dem Internet. Die Ergüsse sind nicht abwaschbar, das Beste was uns Lesern passieren kann!

FOTO: Googlemaps

 

Ein paar Millimeter machen schon eine Menge aus

Das Ding neben dem eigentlichen Ding, dem Loch, ist irgendwie noch immer ein Unding. Und das trotz allen Fortschritts. Schon Prinzessin Marie Bonaparte (die übrigens mit Napoleon verwandt und mit Sigmund Freud befreundet war, rein platonisch natürlich) sah ihren Zeitgenossinnen gerne unter die Röcke. Nach 243 wissenschaftlichen Blicken unter die Gürtellinie teilte sie Vaginas in Téléclitoridienne, Paraclitoridiennes und Mesoclitoridiennes ein. Übersetzen lassen sich diese schönen französischen Begrifflichkeiten grob mit Langstrecke, Kurzstrecke und grade noch im Tarifgebiet . Bonaparte wollte mit dieser Einteilung erklären, warum Frauen unterschiedlich lange brauchen um von A nach Orgasmus zu kommen. Die These der unbefriedigten Forscherin war: Je näher die Klitoris an der Körperöffnung liegt, desto kürzer sei der Weg zum großen „Ohhhh, oui, oui, oui, ouuuiii“.

Experten bestätigen: Der Kitzler ist kein Mythos

Das war um 1900. Doch noch heute zitieren die Expertinnen diese Anekdote. So auch Silke Niggemeier, wenn Sie im Live-Chat über Sex spricht. Niggemeier ist Sexualtherapeutin und bietet ihre Dienste auch digital an. Vom heimischen Sofa oder Schreibtisch aus tippen ihre Klientinnen Sehnsüchte und Fragen in die Tastaturen ihrer Computer. Dabei geht es praktisch zu: „Ich bin jetzt durch mit Shades of Grey. Wie turne ich dieses BDSM jetzt am besten nach?“ Aber auch emotional: „Warum fickt mich mein Freund nicht?“ Oder konkreter: „Warum fickt er mich nicht ‚richtig‘?“ Man müsste meinen, jemand, der im Internet mit Menschen über’s Bumsen redet sei nicht zu schocken. Irritiert ist Niggemeier dennoch, so gibt sie im Néné-Interview zu, wie häufig sie nach der Existenz und Lage des Kitzlers gefragt wird.

Im Höschen versteckt fehlt der Klitoris die Sichtbarkeit

Der Nubbel am Fortpflanzungsorgan, der ausschließlich dem weiblichen Vergnügen gewidmet ist, braucht im Internet wohl eine Quote, um Anerkennung zu finden. Im Netz gibt es mehr Beiträge zum Weihnachtsmann als zur Klitoris, dabei kommt der dicke mit dem Sack nur einmal im Jahr! Silke Niggemeier versucht diese Bildungslücke zu schließen, mit geduldigen Erklärungen, Schaubildern und Links zu Videos. Die digitale Pädagogin versucht zu erklären, dass die Knospe, wie der Kitzler in der schönen Literatur lieber genannt wird, nicht erblüht, wenn man sie gießt, sondern daran rubbelt.

Mitte Mai ist wieder „International Clitoris Awareness Week“, eine Feierlichkeit die ihren Weg bisher nicht so recht nach Deutschland gefunden hat. Also bastelt euch Hüte, die aussehen wie Vaginas und steckt die Hände in die Höschen! Es wird Zeit diesen versteckten Raum zu gentrifizieren!

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