JULIET ET VINCENT

Ficken aus der Ferne

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Mit meinem Partner halte ich es wie mit meinem Smartphone. Ich will nicht nur mit ihm telefonieren können. Fernsex-Gadgets und Apps versprechen mir, dass es sich auch digitale Nomaden aus Einsamkeit nicht mehr selber machen müssen. Es scheint als nähere sich der Entwicklungsstand dieser Technologien langsam dem Höhepunkt.

Susi Kohlmann ist NÉNÉ Kolumnistin und sitzt mit Gedanken an Sex vor dem Internet. Die Ergüsse sind nicht abwaschbar, das Beste was uns Lesern passieren kann!

FOTO: Julia et Vincent

„Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb; sie konnten zusammen nicht kommen,…“ beginnt eine Ballade, die von Mund zu Mund als prä-digitaler Shared-Content überliefert wurde bis sie jemand ins Internet abgetippt hat. „Es waren zwei Königskinder“ handelt von Sehnsucht und Ferne und einer Nonne, die als präventives, repräsentatives Katholikentum den ganzen Spaß verdirbt. Anstatt zusammen im royalen Schlafgemach zu enden, ersaufen beiden Kids im Fluss. Literatur und Kunst befassen sich seit jeher gerne mit der Fernliebe. Das einander nicht nah sein gab Kunstschaffenden von Shakespeare bis Kafka Zeiträume ohne körperlichen Spaß, die sie mit schönen Worte ausfüllten. In unserer technologischen Fortschrittlichkeit, kümmern sich heutzutage mehrere Wirtschaftszweige darum, uns in der Abwesenheit des Anderen nicht auf tiefe Gedanken kommen zu lassen.

Die Bereitschaft die Zunge in eine komische Kiste zu stecken, muss da sein

Professorin und Brummifahrer finden sich in Sachen Sex schon mal in derselben Zielgruppe wieder. Gemeinsam ist ihnen das Problem des living apart togethers, ehemals bekannt als Fernbeziehung. Damit sich auch das optimal managen lässt, gibt es fernsteuerbare Vibratoren und Taschenmuschi-iPad-Aufsätze. Wer beides nicht hat, kann auch die Wii benutzen. Anleitungen finden sich wie alles im Netz. Der Markt der modernen Möglichkeiten bietet etwas für jedes Betriebssystem und auch für die meisten sexuellen Präferenzen. Ziemlich genauso groß wie die übliche Verpackung des Iphones ist beispielsweise eine Box, in der man an einem Strohhalm Zungenküsse verführen soll. Die Bewegungen des Strohhalms werden an eine Kiste andernorts übertragen. Während man vor einem schicken Japanischen Trend-Tech-Store auf die French-Kiss-Box wartet, kann man die Idee mit einer Salzstange testen. Das Salzgebäck regt möglicherweise mehr Speichelfluss an, als die spätere Knutschkiste. Ich persönlich wünsche mir für die finale Marktreife die Geschmacksrichtungen Nutella, grüner Tee und Rippchen.

Kriegen wir jetzt Trojaner statt Tripper?

Wem auch ohne Feuchtigkeit die Sinnlichkeit fehlt, der greift möglicherweise zur vibrierenden Unterwäsche aus den USA. Mit dem Finger auf dem Smartphone-Bildschirm streicheln sich die Liebenden aus der Ferne. Auch hier bleiben mindestens so viele Fragen, wie Münder offen. Auf eine andere Körperöffnung bzw. -Schwellung zielt ein Paar-Stimulator, der auch die Designstudie einer Matrjoschka-Figur sein könnte. Immer wieder hängt die Lust von der Qualität des lokalen WiFis ab. Und ich frage mich: Öffnet die Internetbasierung unseres Sexlebens womöglich die Tore für Viren, die auch ohne Ausschlag für ein unangenehmes Jucken sorgen könnten?

Snakespiele mit der Schlange des Partners

Während all diese Geheimnisse im Raum stehen, könnte Masturbation damit zur öffentlichen getriebenen Partneraktivität werden. Längst verrät die unscheinbare Schale des eBook-Readers nicht mehr, welch skandalös schmutzigen Fetischen meine Mitpendler in Bus und Bahn grade nachgehen. Mit den App-Fernsteuerungen für vibrierende Devices mache ich es meinem Partner während ich mich auf dem Weg zur Arbeit mache. Dann steure ich fern oder werde gesteuert. Für einen Dialog, muss man dann doch wieder auf den öden alten Telefonsex zurückgreifen. Vielleicht sind diese genitalen Erfindungen noch keine genialen Erfindungen, auch wenn Google mir das vorschlägt.

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