BI OPEN – SCHWULEN-SAUNA FÜR ALLE

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Frauen in der Schwulensauna? In Frankfurt gibt es das: Seit einem Jahr findet in der dortigen „Metropol“- Sauna die „Bi Open“- Party statt, ein offener Treff für Frauen, Männer, Bi-, Trans-, Inter- und Homosexuelle und freiheitlich fühlende und denkende Menschen. Ein Besuch beim einjährigen Geburtstag mit den Bi Open-Gastgebern Bastian und Michl.

FOTO: Jeff Marano

Unser Autor Bruno Gris (45) ist schwul, lebt und arbeitet als Texter und DJ in Frankfurt am Main und war vor der Bi-Open-Party noch nie in einer Gay-Sauna

Dumpf pumpen Mid-Tempo-Housetracks aus dem Nebenraum. Obwohl es schon fast 21 Uhr ist und es draußen immer noch gut 28 Grad hat, herrscht in der Umkleide reges Umräumen, Ausziehen, Handtuchwickeln und Flipflop-Klatschen. Es spricht kaum jemand. Aber äugen tun alle, teils verstohlen, teils ganz unverhohlen. Checken wer so da ist. „Gibst‘e mir mal das Handtuch, Schatz?“ durchbricht der eifrige Sauna-Mitarbeiter die Spannung. Er macht die Spinde klar für die neuen Gäste. Handtuch und Kondome in jedem Spind. Er strahlt mich an – wer kann da widerstehen?

„Heute geht’s ab“, lacht Michl an den DJs-Decks. „Hinten ist schon richtig Sauerei“. Sein Bruder Bastian hat die Bi Open-Party, die einmal monatlich in der Frankfurter Metropol Sauna stattfindet, ins Leben gerufen. Bi Open heißt: Heute dürfen auch Frauen in die Schwulensauna. „Ein Stück Schwulenkultur für alle“, freuen sich die Macher auf ihrer Website. Die Idee von freier Liebe, ein Ort der Ungezwungenheit, verschwimmender Geschlechtergrenzen, eine lustvolle Neo-Hippie-Party. Einen Dresscode gibt es nicht, ob der Hitze haben die meisten einfach ein Badehandtuch um die Hüfte geschlungen.

Bastian kommt schweißgebadet aus der Sauna, keine Ahnung, wie sein Badehandtuch da hält, wo es jetzt an ihm hängt. Stündlich kümmert er sich um die Aufgüsse, zur Feier des Tages gibt’s einen mit Wodka. In eine Wolke Wodka-Odeur gehüllt umarmt er mich, jetzt bin ich aus nass. Egal. Schön dass du da bist!

Bastian bezeichnet sich als bi. Die Bisexuellen werden bei Schwulen oft nicht so richtig ernst genommen, verkappte Homos und so. Bastian ist in der Tat der erste Typ, dem ich die Bisexualität abnehme. Nicht weil er mit Frauen und Männer knutscht. Sondern weil er mir eine Geschichte erzählt, die nur ein Bi-Mann so erzählen kann: Als er von einer Frau in einer „normalen“ Sauna angemacht wurde, wo Sex natürlich ziemlich deplatziert ist (habe ich mir sagen lassen), war sein Kommentar: „Wenn du jetzt ein Junge wärst, wäre das alles kein Problem, dann könnten wir in die Schwulensauna gehen“. Auf sowas kommt kein Hetero! Das war dann auch der Anstoß, die Bi Open ins Leben zu rufen.

Innerhalb eines Jahres hat sich eine kleine Fangemeinde gefunden, die mehr oder weniger regelmäßig das Angebot nutzt. Motto: Alles kann, nichts muss. Denn bei aller Freizügigkeit gibt’s in der Schwulensauna Regeln, an die sich alle unausgesprochen halten. Klar wird gebaggert. Mal charmant, mal ohne Umschweife. Aber wenn man nicht will, ist das O.K. – wer diesen Codex missachtet, kriegt sanft, aber unmissverständlich Ärger. Muss man erleben, und insbesondere für Frauen ist das offensichtlich neu oder zumindest ungewöhnlich. Die Hemmschwelle, in eine Schwulensauna zu gehen, ist bei den Frauen trotzdem größer als gedacht. Die, die heute hier sind, sind fast alle ihrem Partner da.

Wie Taiji Tu und seine Ehefrau. Der Autor erotischer Geschichten ist als Gast zum einjährigen Jubiläum der Bi Open eingeladen worden. Meine Vermutung war, dass eigentlich Swingerclubs der geeignete Ort für Paare sind, die in ungezwungener Atmosphäre Sex mit anderen haben wollen. Für Taiji und seine Frau stimmt das nicht. Das ritualisierte „schläfst du mit Meiner, schlaf‘ ich mit Deiner“-Gehabe passt dem Paar überhaupt nicht, da sei ihnen zu dumpf. Die Bi Open nicht, das sei angenehm und lustig. Stimmt, obwohl’s hier um Sex geht (ist ja ´ne ernste Sache, gell?) wird viel gelacht und geschäkert. Zumindest im Barbereich der Sauna.

In der roten Sitzecke hockt ein Paar, Mann und Frau, und haben Flammkuchen bestellt. Die sind süß miteinander, wie sie da sitzen und sie ihm die Fäden, die der warme Käse gezogen hat, lachend von der Wange zupft. Jetzt knutschen sie. Ich schlendere vorbei und gehefür eine Kippe in den gläsernen Raucherbereich.

Ein Typ quatscht mich an „Hey, was geht?“ – „Nichts!“ – „Ist dir langweilig?“ – „Nö, ich bin entspannt“. O.K. Er findet das Pärchen mit dem Flammkuchen geil. „Mit dem Typen würd‘ ich mal“, meint er. „Die sind gerade nach hinten verschwunden“, meine ich. „Oh, echt?“, sagt der Typ, springt auf und verschwindet.

Jetzt sitze ich hier alleine mit dem Paar, das sich schon auf der letzten Party dadurch auszeichnete, es immer und überall zu treiben und dabei gerne Zuschauer zu haben. Einer fühlte sich derart animiert, dass er, nachdem alle anderen den Raum verlassen hatten, sich nackt und breitbeinig vor dem Pärchen aufgestellt und mit großer Geste wichsend Applaus gespendet hat.

Die Tür fliegt auf, ein anderer Typ kommt rein. Er ist klein und drahtig. Seine Nylonshorts ist nass und klebt fast durchsichtig auf seinem halbsteifen Schwanz und dem kleinen Hintern. Hot Nuts! Vielleicht ist sein Schwanz auch gar nicht halbsteif sondern einfach so schwer und dick. Geschmeidig reiben seine Arschbacken hin und her, während er betont langsam weiterschlendert, jeder Muskel arbeitet. Breitbeinig gleitet er auf die Bank neben mir, stützt die Arme auf die Oberschenkel und pumpt sein breites Kreuz auf. Kleine Wasserperlen rinnen aus dem kurzgeschorenen schwarzen Haar über seinen Nacken am Rücken entlang nach unten in die Arschritze. Angestrengt schaut er nach links. Seine Begleitung, die ein paar Minuten später nachkommt, ist sichtlich aufgeregt. Der Drahtige entspannt sich, lacht und wirkt erleichtert, es wird irgendwas gequatscht von morgen zur Arbeit müssen oder sich doch besser krank melden.

Draußen schellt eine Glocke, die Lesung anlässlich des Geburtstags geht gleich los. Noch ein Experiment bei Bi Open. Also los, zum hinteren Teil der Sauna, Taiji Tu liest im Kabinenbereich. Das ist ein schummrig rot beleuchteter Gang, von dem rechts und links Kabinen in verschiedenen Größen abgehen, jede ausgestattet mit einer Liege. Im Vorbeigehen erkenne ich im schemenhaften Licht einen schlanken Jungen, der bäuchlings auf dem Polster liegt, breitbeinig, im leichten Hohlkreuz und rausgestrecktem Arsch. Auch die Kabinentür ist einladend halb geöffnet.

Weiter bis zur Mitte des dämmrigen Gangs, wo der Autor mit seiner Frau und einem Plüschleopard, dem gemeinsamen Maskottchen, Platz gefunden haben. Die erste Geschichte handelt von den bisexuellen Eskapaden eines Mannes beim Zahnarzt. Muss man mögen, ich beobachte derweil die Zuschauer, die dichtgedrängt lauschen. Hinter mir steht ein Bekannter, so nah, dass ich seinen kühlen Atem im Genick spüre. Das ist angenehm, weil es irre heiß ist. Gegenüber lehnt ein schwarzer Lockenkopf mit Dreitagebart und Hornbrille an der Wand, die Augen geschlossen, die Lippen leicht geöffnet. Ab und zu bahnen sich Cruiser durch die Lesegesellschaft auf der Suche nach jemandem, einer freien oder besetzten Kabine mit halbgeöffneter Tür. Links im Gang stehen zwei Männer, die leidenschaftlich knutschen und sich die Brustwarzen zwirbeln. Ihre steifen Schwänze recken sich aus dem Handtuchschlitz, der eine greift beherzt zu und keult den Ständer. Die zweite Geschichte passt besser zur Szenerie, sie spielt irgendwo in heißen Orient. Applaus und die Gesellschaft löst sich auf, geht Duschen, in den Whirlpool oder verschwindet in einer der Saunaräume.

Ich gehe zurück zum DJ-Pult und flirte noch ein bisschen mit dem DJ. Der Bekannte, der eben noch seinen Atem ins Genick geblasen hat, holt Massageöl an der Bar ab und verschwindet mit einem Typen. Zeit zu gehen. Kuss für Michl, Bastian sitzt mit einer Gruppe im Whirlpool und versucht mich zu überreden, auch reinzukommen. Noch ein feuchter Kuss, dann bin ich raus.

Unaufgeregt, unaufdringlich und lustvoll – für die Bi Open muss man kein (Schwulen-)Saunaexperte sein – das funktioniert auch so.

 

NÉNÉ-Tipp: Die nächste BI Open findet am 07. September statt! Zum Facebook Event gehts hier.

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